Die Urgeschichte der SV '72 Pforzheim e.V.

 

 

Ganz im Zeichen der Zeit heißt die Devise zunächst: "Back to the roots!"
Wie kam der Verein zu seinem Namen? Hierzu erscheinen einige Vorbemerkungen sinnvoll.

Glaubt man der Statistik und den Zeitungsmeldungen, so wird die Mitgliedschaft in Vereinen immer beliebter. 1996 gehörten 22,3 Millionen Deutsche einem Sportverein an. Vergleicht man diese Zahl der Mitglieder mit denen der Vorjahre, so ist ein stetiges Wachstum erkennbar. Bei den Sportvereinen ist das Plus von etwa 2,6%. Wie sich die Mitglieder allgemein auf einzelne Sportarten verteilen, ebenso wie die Altersstruktur, sind interessante Fragen, die hier aber zu weit führen würden. Dies gilt natürlich nicht für die SV '72, für die aus dem Jubiläumsjahr gesicherte Erkenntnisse vorliegen.

Sicherlich ist ein großer Teil Jugendlicher in Vereinen zuhause, weil ihnen hier ein sinnvolles Betätigungsfeld geboten wird und der notwendige Sozialisierungsprozess vernünftiger als auf der Straße ablaufen kann. Es fällt schwer nachzuvollziehen, was in den Köpfen von Politikern vorgeht, die die Kürzung der finanziellen Zuwendungen für Vereine durchgesetzt haben. Immerhin sind über 1,5 Millionen Deutsche auch im Besitz eines amtlichen Segelscheines, zudem sie meist in einem der zahlreichen Segelvereine ausgebildet wurden.

Zu dem stattlichen Bestand von 85 519 Sportvereinen zählt nun auch das Jubiläumskind des Jahres 1997, der SV '72. Ein Segelverein, der sich über 25 Jahre an der Pforte zum Schwarzwald erhalten hat, muss schon etwas Besonderes sein. Über einen Segelverein an irgendeiner Küste oder irgendeinem See würde man sich weit weniger wundem. Bei genauerem Aufblättern der Vereinsgeschichte zeigt sich dann allerdings schnell, dass die Wurzeln des SV '72 nicht in Pforzheim liegen; und auch der Name des Vereins ursprünglich etwas anders lautete.

Es gab um 1970 viele Segelvereine in ganz Deutschland verstreut. Die meisten von ihnen gehörten dem DSV an. Jeder Verein bildete, z. B. für den damaligen A-Schein aus. Der DSV berechtigte nun innerhalb dieser Vereine bestimmte Mitglieder, eine Prüfung im Sinne des DSV abzunehmen. Für den neuen Führerscheininhaber war damit die Segelwelt auf seiner Hierarchiestufe in Ordnung.

Ganz anders sah dies jedoch für diejenigen aus, die in einer Profisegelschule ihre Prüfung abgelegt hatten. Diese Segelschulen hatten sich schon damals organisiert und waren im Verband Deutscher Segelschulen, kurz VDS, zusammengeschlossen. Die Abnahme der im Beispiel angeführten Prüfung erforderte nun Prüfer, die, wie vorher beschrieben, innerhalb eines DSV zugelassenen Vereins prüfberechtigt waren. So lässt sich gut vorstellen, dass die Segelschulen des DSV, die ja selbst nicht prüfen durften, Mühe hatten, in den Vereinen der Umgebung die entsprechenden Prüfer zu finden.

Hier muss noch ein weiterer Gesichtspunkt angeführt werden:
Der glückliche A-Schein Inhaber, der seine Prüfung an einer der VDS angeschlossenen Schule abgelegt hatte, besaß nun im Sinne der damaligen Verkehrsvorschriften einen amtlichen Befähigungsnachweis für die Binnenschifffahrt. Er war aber damit nicht berechtigt, z. B. an einer vom DSV ausgeschriebenen Regatta teilzunehmen. Hier klaffte eine Lücke, die es durch die Aktivitäten der entsprechenden Funktionäre zu schließen galt.

Was lag näher als die Angliederung eines überregionalen Segelvereins an den VDS. Dieser neue Segelverein sollte wegen der Prüfberechtigung natürlich Mitglied im DSV sein. Da er noch nicht bestand, musste er ins Leben gerufen werden. So ähnlich mögen wohl die Überlegungen des Herrn Overschmidt (Präsident des VDS) und des Herrn von Reclam, späterer 1. Vorsitzender der SV, gewesen sein. So entstand folgerichtig der SV/ VDS, der übrigens zunächst kein eingetragener Verein war. Die Zielsetzung lässt sich nun sehr schön durch schriftliche Äußerung des Herrn Overschmidl belegen. Ich zitiere aus einem Brief vom 17. 11. 1978 an Herrn W. Haber, dem damaligen Vorsitzenden der SV/VDS:

"Die Gründung der SV/VDS erfolgte ursprünglich, um den Absolventen der Kurse von DSV-Mitgliedsschulen für einen möglichst geringen Jahresbeitrag die Möglichkeit zur Teilnahme an Regatten des DSV zu eröffnen. Ein selbstständiges und intensives Clubleben war nicht vorgesehen und für den geringen Jahresbeitrag und der großen Streuung der Mitglieder über ganz Deutschland auch nicht zu verwirklichen. Vorgesehen war eine Information, Betreuung und Beratung der Mitglieder bei allen stehenden Problemen; diese Aufgabe wurde über Jahre ehrenamtlich von dem jeweiligen Personal des VDS mit wahrgenommen." Sitz und Geschäftsstelle dieses Vereins war damals in Anlehnung an den VDS Münster in Westfalen in der Annette von Droste Hülshoff Allee 3.

Kündigte sich nicht schon hier "schicksalhaft" die spätere enge Verbindung der SV '72 zum Bodensee an? Wie auch immer. Angelockt durch die besondere Werbeaktion des Herrn von Reclam (das erste Jahr Mitgliedschaft war beitragsfrei) erfreute sich der Verein in der ganzen Bundesrepublik bald großer Beliebtheit, wie die Mitgliederzahlen belegen. Waren es in den Jahren bis 1975 "insgesamt fast 400 Mitglieder" (Quelle: Bericht über die Sitzung der Generalversammlung am 5. 10. 1975 in Bodman), so ist in dem Rundschreiben zum Ausklang der Saison 1977 verfasst von Herrn von Reclam schon von "etwa 600" Mitgliedern die Rede. Zwischenzeitlich hatten sich jedoch schon die ersten Schwierigkeiten abgezeichnet.
Der VDS war letztlich eine kommerzielle Einrichtung, die "Heirat" mit einem Segelverein mit gemeinnützigen Zielen musste steuerrechtliche Probleme mit sich bringen. So stand die Ehe SV/VDS schon zu Beginn unter dem Vorzeichen finanzpolitisch-rechtlicher Schwierigkeiten. Innerhalb des DSV zeichneten sich in Bezug auf die bisherige Praxis der Prüfung gewichtige Änderungen ab. Gleichsam mit einem "Paukenschlag" wurde die Saison 1977 eröffnet.

Aus dem Rundschreiben des SV/ VDS: "Der Deutsche Seglerverband sorgte mit der Verkündigung seiner neuen Führerscheinverordnung für eine gründliche Überraschung. Ab 1.6. 1977 wurden sämtliche Prüferlizenzen ungültig und auch unsere Prüfungskommission bestehend aus vier C-Schein-Inhabern und dem ersten Vorsitzenden der SV wurde Ende Mai d. J. aufgelöst. ( ... ) Wir müssen uns mit diesen Tatsachen abfinden. Gleichzeitig müssen wir uns jedoch unserer besonderen Situation als SEGELVEREINIGUNG der VDS bewusst werden. Die SV/VDS ist zwar eine Tochter des VDS und wird verwaltungsmäßig von diesem betreut und unterstützt; nach wie vor sind wir jedoch auch ein DSV-anerkannter Verbandsverein mit allen Rechten und Pflichten. Bislang haben sich aus dieser Doppelfunktion noch keine einschneidenden Konflikte ergeben ( ... ), früher oder später muss jedoch damit gerechnet werden, dass sich Konfliktsituationen ergeben können."

Schicksalsjahr wurde 1977. Herr von Reclam lud zur Generalversammlung der SV/VDS zum: " ... Samstag, den 5. November 1977 um 14 Uhr in den Räumen des Wiesbadener Tennis und Hockey Clubs in Wiesbaden ... "
Auf der Tagesordnung stand unter TOP 4 Entlastung des Vorstandes und turnusmäßige Neuwahl des Vorstandes; unter TOP 6 Diskussion über das Verhältnis der SV/VDS zum DSV! Die anderen Tagesordnungspunkte sollen hier nicht aufgezählt werden.

Herr von Reclam hatte vom Bodensee aus die Diskussion schon vorbereitet, denn in einer außerordentlichen, zusätzlichen Versammlung am 2. Oktober 1977 im Hotel Linde am See in Bodman im großen Saal war schon einiges vorbesprochen worden: "Es handelt sich im wesentlichen um unser Verbleiben am Bodensee und um unsere weitere Zukunft als SV/VDS."

Das wichtigste Ergebnis der Generalversammlung in Wiesbaden jedenfalls bestand zunächst in der Wahl von Wolfgang Haber zum 1. Vorstand des SV/VDS. In seinem ersten Rundschreiben werden weitere wesentliche Beschlüsse angeführt. Unter anderem:
,,1. Herr von Reclam wurde in Würdigung seiner besonderen Verdienste um unseren Verein zum Ehrenpräsidenten bestellt und ist somit Ehrenmitglied.
2. Aus verschiedenen Gründen wurde der Sitz des Vereins von Münster nach Pforzheim verlegt. (. .. )
4. Der Verein gibt sich eine neue Satzung und wird mit dieser als eigenständiger Verein in das Vereinsregister eingetragen."
Dies geschah denn auch. Mit Bescheinigung vom 2.12.1977 bestätigt das Amtsgericht Pforzheim, dass der Verein Seglervereinigung des Verbandes deutscher Seglerschulen zur Eintragung in das Vereinsregister des Amtsgerichtes angemeldet wurde.

Halten wir fest: Aus der "Tochter", die eigentlich brav den Richtlinien der Eltern gehorchen sollte, hatte sich mittlerweile ein selbständig denkendes und handelndes Wesen entwickelt, wie es eben bei heranwachsenden Kindern so üblich ist. Damit waren die Eltern aber gar nicht einverstanden, denn sie hatten die oben angeführten Konflikte zu bewältigen. Ergebnis war, dass die Eltern auftrumpften: "Diese Gründungsidee sehen wir in der heutigen Form der SV/VDS nicht mehr verwirklicht. Darüber hinaus haben einige unserer Mitgliedsschulen darüber Klage geführt, dass die SV/VDS mit Inseraten in einschlägigen Presseorganen für theoretische Lehrgänge wirbt und sich somit in Konkurrenz zu den Segelschulen unseres Verbandes setzt. Dies können wir im Interesse unserer Mitgliedsschulen keinesfalls hinnehmen, zumal sich der VDS seit jeher gegenüber dem Deutschen Seglerverband dafür eingesetzt hat, den Verbandsvereinen die gewerbsmäßige Ausbildung von Segelschülern zu verbieten." (VDS Schreiben vom 17. 11. 1978 an den Vorstand der Seglervereinigung des VDS)

Weil die "Tochter" nun wirklich gar nicht mehr in das Konzept des VDS passte, sagte man sich einfach von ihr los, natürlich mit einer Durchschrift an die Rechtsabteilung des Deutschen Segler-Verbandes. Im oben angeführten Schreiben liest sich das dann so: "Aufgrund eines einstimmigen Vorstandsbeschlusses sind wir daher gehalten, Sie aufzufordern, die Namensgebung der SV / VDS bis zum 31.12.1978 so zu ändern, dass

a) der ausgeschriebene Zusatz ... "des Verbandes Deutscher Segelschulen" nicht mehr verwendet wird, da dieser irreführend ist;
b) die Abkürzung SV/VDS nicht mehr verwendet wird (. .. )."

So musste ein neuer Namen gefunden werden. Dies erfolgte auf der Mitgliederversammlung im März 1979. Hier wurde die SV in SV '72 umbenannt, in Anlehnung an das Gründungsjahr der alten SV (VDS): 1972.